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Le Nozze di Figaro

Opera Buffa von Wolfgang Amadeus Mozart (KV 492)

»Ein ungeheuer guter, überzeugender
Abend«
Deutschlandradio Kultur

»Phantasievolle und bis in den kleinsten Augenaufschlag genau erfühlte und handwerklich blitzsauber umgesetzte Personenführung« Deutschlandfunk

»Ganz, ganz großartig gemacht...
Wirklich sehr modern erzählt...
Extrem gelungene Inszenierung.« MDR Figaro

»Ein Knaller« Thüringer Allgemeine Zeitung

Musikalische Leitung:
Regie:
Ausstattung:
Graf Almaviva:
Yoontaek Rhim
Gräfin Almaviva:
Bianca Koch
Figaro:
Thomas Kohl
Susanna:
Marcellina:
Brigitte Roth
Cherubino:
Yunfei Lu
Basilio:
Antonio:
Łukasz Ziółkiewicz
Barbarina:
Katharina Boschmann

Kay Link inszeniert Mozarts "Die Hochzeit des Figaro" in Nordhausen

Anmoderation: Wie mutig ist die Inszenierung von Kay Link?

Die Inszenierung ist insofern mutig [...] dass nicht irgend ein großartiges Konzept übergestülpt würde, sondern es wird wirklich die Geschichte erzählt, die Geschichte von emotionalen Verwirrungen, von Eifersucht, von Liebe, von Nicht-zueinander-Finden und Nach-dem-Glück-Suchen, und das so hinreißend, mit so viel Gespür für die Komik im Stück […], da hatte dieser Abend wunderbares Timing, und es wurde auch unglaublich gut gespielt von allen Sängern, also in Mimik und Gestik diese Überraschung, auch diese Melancholie, die im Stück drin steckt, also wirklich ein ungeheuer guter, überzeugender Abend, ich bin ganz glücklich aus dem Theater gegangen.

Moderation: Und nun die Gretchenfrage: Gab es historische oder moderne Kostüme?

Nein, es ist modern. Es gibt während der Ouvertüre eine historische Reminiszenz […]. Aber diese Geschichte spielt eben auch  heute und sie spielt in ganz vielfacher Hinsicht heute: Erstens hat er darauf geachtet den sozialen Ort zu erhalten, es gibt also weiterhin einen sehr reichen Herrn, der Angestellte hat und einen Concierge und eben Bediente, die von ihm abhängig sind und von seinen Launen abhängig sind und sich ihm unterordnen müssen. Und es gibt eine, wie ich finde, sehr schön gelöste Gartenszene – zum Schluss wird ja alles aufgelöst, diese ganzen Eifersüchteleien des Abends in wiederum einer Verwechslung im Park – das ist hier so eine Art großer Palmen-Blumenkübel, der ist dann sehr überbevölkert, weil eigentlich das gesamte Personal reinklettert, was schon sehr komisch ist, und wenn die dann da wieder rauskommen sind sie alle derangiert und haben alle offene Hemden und Hosen, und es geht da offenbar zu wie im Berliner Tiergarten in einer Sommernacht oder im Kit-Cat-Club der Hauptstadt, also jeder hat was mit jedem etwas angefangen und versucht sich dann wieder zu ordnen – wirklich sehr  heutig erzählt.

Deutschlandradio Kultur, Fazit

 

Da ist was im Busch

Die 200 Jahre alten Überraschungen des "Figaro" zünden in Nordhausen wie am ersten Tag

Mozarts Oper "Hochzeit des Figaro" am Theater Nordhausen ist ganz gegenwärtig. [...] Der Regisseur Kay Link erzählt die Komödie der Gefühlsverwirrungen ganz heutig, ohne je in Obszönitäten abzugleiten. Keine peinlich anzuschauenden Beischlafsimulationen, keine derben Zoten, stattdessen reichen ihm genau dosierte Andeutungen und eine minutiöse Blickdramaturgie. Das Revolutionsdrama um eine schwächelnde Feudalordnung, repräsentiert von Graf und Gräfin, und das aufstrebende Bürgertum, verkörpert durch Figaro und Susanna, interessiert den Regisseur nur insofern, als er die sozialen Verhältnisse minutiös beibehält. Graf und Gräfin sind steinreich und wohnen in einem Haus mit Concierge-Service und Sicherheitsdienst. Figaro und Susanna arbeiten im Niedriglohnsektor und müssen sich deshalb die sexuellen Avancen des Arbeitgebers gefallen lassen. [...]

Überlagert wird die soziale Frage jedoch vom ziellosen erotischen Begehren aller Personen. Auslöser ist der Page Cherubino, doch bis zum Gärtner sind sie alle von Hormonen und sexuellem Verlangen getrieben, was wiederum zu großartigen Komödienmomenten taugt. Selten wurde so fein herausgearbeitet, wie sich Figaro immer weiter in seinen Lügen verstrickt, umdisponieren muss, weil ein Teil der Wahrheit herausgekommen ist oder er nur noch weiter in die Bredouille gerät, wenn er ausnahmsweise mal die Wahrheit sagt. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil der Regisseur die Bühnencharaktere aus den Persönlichkeiten der Sänger herausgearbeitet hat. Deshalb sitzen die Gesten der Susanna von Elena Puszta ebenso sauber wie ihre Töne. [...]

Uwe Friedrich, dradio.de 

 

Guter Saisonstart in Nordhausen:
Kay Link inszeniert Mozarts FIGARO

Regisseur Kay Link hat die Mozart-Figuren als Hotelpersonal ganz zwanglos in die Gegenwart geholt, ohne die Dramaturgie des Stücks zu beschädigen. Die feudale Hierarchie des Ancien Régime gleicht der hierarchischen Struktur in einem Hotelbetrieb fast aufs Haar. Innerhalb seiner Grundidee entwickelt der Regisseur das Spiel ausschließlich aus der phantasievollen und dabei bis in den kleinsten Augenaufschlag genau erfühlten und handwerklich blitzsauber umgesetzten Personenführung. [...]

Das Ergebnis ist nicht besser als mit einem etwas abgegriffenen Schlagwort auszudrücken: Das Einfache, was schwer zu machen ist. Figaro, Thomas Kohl ist ein großer kräftiger Kerl, der nur ein Quäntchen Naivität zuviel hat, um wirklich erwachsen zu werden. Das macht ihn sympathisch. Die mit kulleräugigem Witz in die Welt blickende Susanna, Elena Puszta, die die Lage stets durchschaut, vertraut sich einfach seinen starken Armen an. Die Liebe zwischen beiden ist in dieser Konstellation absolut glaubwürdig. Schwieriger und vielschichtiger die Figur der Gräfin. Jung, groß, schlank, blond, elegant, sieht Bianca Koch wie die typische Erfolgsfrau aus. Stück und Inszenierung erwischen sie jedoch gewissermaßen nach Feierabend, am Tiefpunkt der Einsamkeit. Am Ende scheint es allenfalls möglich, dass die Scherze und Listen mit Susanna ihrem Leben einen dauerhaften Aufwärtstrend verleihen. Der Graf ist ebenso unglücklich, seine erotischen Eskapaden wirken wie ein selbst auferlegtes Pflichtprogramm. Nicht einmal der Hochzeits-Gratulations-Chor der Zimmermädchen und Keller nimmt ihn noch ernst. Er erschrickt zutiefst, als er sich dabei ertappt, in seiner Hilflosigkeit irgendwann die Hand gegen seine Frau zu erheben.

Selbst Mozarts Commedia-Figuren von Marzellina bis Barbarina gibt Kay Link individuelle Züge ohne dabei auf die Typenkomödie ganz zu verzichten. [...]

Die Lustbarkeit endet zwischen den Wedeln einer gewaltigen Kübelpalme. Danach großer Beifall für alle – und somit auch ein guter Saisonauftakt.

Irene Constantin, Deutschlandfunk

 

 

Großartig gemacht – Kay Link inszeniert "Die Hochzeit des Figaro"

Anmoderation: Mozarts Figaro in Nordhausen in der Regie von Kay Link. Wie hat er denn die Oper erzählt – als Komödie oder vielleicht sogar als Revolutionsoper?

Nein, die Revolutionsoper interessiert ihn eher nicht an dem Stück, da hat er sich offenbar gedacht, das wissen wir sowieso, ich erzähl jetzt wirklich mal die Komödie, die Verwirrung der Gefühle, der Emotionen, der Liebe, die nicht weiß auf welches Objekt sie sich richtet, und der Eifersüchteleien und Besitzansprüche, die daraus erwachsen. Er spielt eindeutig in der Gegenwart, Graf und Gräfin sind reiche Leute, die sich einen Concierge-Service leisten können, das sind eben Susanna und Figaro, und der Graf hat ein Auge auf Susanna geworfen. Und es gibt noch so einen Azubi, den Cherubino, einen Pagen in diesem vielleicht Hotel. Und das ist ganz detailreich gemacht, gerade in der Auflösung im Park im letzten Akt, das fand ich ganz, ganz großartig […]. Das war wirklich sehr modern erzählt.

Moderation: Gerade Türen- und Typenkomödien können ja sehr schnell peinlich wirken?

Das war überhaupt nicht der Fall, liegt auch daran, dass die alle sehr gut spielen können […]. Da hat der Regisseur, Kay Link, wirklich aus den Sängerdarstellern das rausgeholt, was in ihnen steckt, man hatte wirklich das Gefühl, er hat mit denen gearbeitet und nicht ein Konzept oder sein Konzept den Leuten aufgezwungen, egal ob die das können oder nicht.
Das ist ein richtig runder Abend
: Musikalisch ein Vergnügen und durch diese extrem gelungene Inszenierung eben auch szenisch.

MDR Figaro

 

Ein Knaller

Regisseur Kay Link arbeitet bei Mozart mit markanten Ideen

Das war ein Knaller. Just in dem Augenblick, da alle an Wolfgang Amadeus Mozarts Oper "Die Hochzeit des Figaro" Beteiligten sich ihre sündhaften Spielchen verzeihen und eintauchen in die balsamische Musik fällt ein großes Paket auf den Bühnenboden des Theaters.

Nein, das war keine fehlgeleitete postalische Sendung, lediglich einer von vielen markanten Einfällen des Regisseurs Kay Link. Noch etwas benommen vom Hauch der klingenden Magie machen sich alle über das Paket her, denn alle wollen nach den Turbulenzen des tollen Tages ein Stück vom seligmachenden Frieden abhaben.

Kay Link, 1969 in Pforzheim geboren, studierte neben Literatur- und Kunstgeschichte auch Gebärdensprache. Letzteres ist seiner Regie anzumerken. Links Spieltrieb arbeitet mit den Figuren, wobei es vollkommen egal ist, ob das Finale in einem barocken Irrgarten oder in einem Palmenrondell passiert. Ausstattung (Frank Albert) und Inszenierung passen zusammen und berücksichtigen auch die Sparzwänge, unter denen die Theater leider stehen.
Graf Almavivas Personal erscheint dennoch in vornehmen Livrees, was in deutlichem Kontrast zum rustikal getäfelten Spielort steht. Ein andalusisches Schloss schwebte Kay Link vor, aber wohl eines, das unter der Euro-Krise leidet. Dort richtet sich die Gesellschaft – Graf und Gräfin (Yoontaek Rhim, Bianca Koch), Figaro (Thomas Kohl), Susanna (Elena Puszta), Cherubino (Yunfei Lu), Marcellina (Brigitte Roth), Bartolo (Florian Kontschak), Basilio (Marian Kalus), Don Curzio (David Johnson), der Gärtner Antoni (Laurence Meikle) und seine Tochter Barbarina (Katharina Boschmann) - spartanisch ein.

Kein billiges Stundenhotel ist zu sehen, sondern ein Raum für gewisse amüsante wie ernste Momente der Oper. Kay Links Lösungen überzeugen, sowohl bei der mit Aktenbergen überhäuften heiteren Trauungszeremonie als auch während der Umbaupause zwischen drittem und viertem Akt, in welcher das gräfliche Paar eine schüchterne Annäherung versucht. [...]

Thüringer Allgemeine

 

 

Eine akkurate, filigrane Regiearbeit, die dem Großmeister Mozart ihre Aufwartung macht.

Mitteldeutsche Zeitung

 

Liebeswirren im Hotel

Großer Beifall für Kay Links Inszenierung von Mozarts "Hochzeit des Figaro" in Rudolstadt 

Das hatte sich Graf Almaviva, Manager des Grand Rudolstadt Hotels, wohl so gedacht: mal eben die süße Rezeptionistin Susanna vernaschen, danach eine Runde Golf, zwischendurch der eigenen Gattin eine Szene wegen angeblicher Untreue machen. Zum Glück brauchen Susanna, die Gräfin und ihre Komplizen vom Hotelpersonal nur einen einzigen, tollen Tag, um die Pläne des Grafen zu durchkreuzen und das Affärengewirr zu einem glücklichen Ende sowie mehrere Paare zum Traualtar zu führen.

Kay Link, der "Die Hochzeit des Figaro" für Nordhausen und Rudolstadt inszeniert hat, siedelt die amourösen Verwicklungen der Mozart-Oper in einem modernen Hotel an – und diese Idee geht sehr gut auf. Hier gibt es straffe Hierarchien vom Manager bis zum Pagen, von der Empfangsdame bis zum Zimmermädchen; hier signalisiert die Hoteluniform, dass die Angestellten sich ganz in den Dienst des Unternehmens zu stellen haben, rund um die Uhr. Nur, dass Manager Almaviva seine Machtbefugnisse allzu großzügig auslegt, wenn es um das weibliche Personal geht.

Kay Links Inszenierung erlebte 2013 ihre Nordhäuser Premiere, nun kam sie im Rahmen der Theaterkooperation nach Rudolstadt und wurde vom Premierenpublikum am Samstag mit großem Beifall aufgenommen. "Die Hochzeit des Figaro" macht in dieser Version einfach Spaß: Die Thüringer Symphoniker spielen unter Leitung von Oliver Weder mit Verve, tänzerischem Schwung und in frischen, flotten Tempi; und die Sänger nutzen die Gelegenheit, nach Herzenslust Komödie zu machen. Dass die temporeichen Rezitative, Duette und Ensembles in – pfiffig modernisierter – deutscher Übersetzung gesungen werden und nur die Soloarien auf Italienisch, das kommt den Darstellern sichtlich entgegen.

Unter Kay Links sorgfältiger Personenregie bekommen kleine Gesten große Bedeutung; Susannas hochgezogene Augenbrauen sagen mehr als Worte. Elena Puszta ist mit ihrer nicht nur stimmlichen Beweglichkeit und ihrem Talent fürs Komische die Richtige für den Part der Susanna, sie wirkt mitreißend als rotierendes Zentrum aller Liebeswirren. Die Männer kommen da kaum mit, auch nicht Susannas Bräutigam Figaro, den Thomas Kohl weniger als heißblütigen Liebhaber denn als angepassten Hotelangestellten spielt. Das eifersüchtige Schäumen wider den Grafen nimmt man diesem Figaro nicht ganz ab, zumal er stimmlich daran scheitert, sein "Se vuol ballare" angemessen angriffslustig hervorzuschmettern. Aber wer würde es auch wagen, den Chef herauszufordern?

Yoontaek Rhim hält als Almaviva stimmgewaltig die Balance zwischen dem cholerischen Despoten und dem um Charme bemühten Schürzenjäger. Bianca Koch als Gräfin singt und spielt die tragischen Momente ihrer Rolle wunderbar aus. Ihre Arien gehen zu Herzen – und schon im nächsten Moment gluckst der Zuschauer vor Vergnügen, weil die noble Dame im weißen Hosenanzug so unverfroren bei den Intrigen des Personals mitmischt.

Hinreißend ist Carolin Löffler als linkisch-liebessüchtiger Hotelpage Cherubino. Löffler nimmt sich des Parts einfühlsam an und zeigt, was – außer Travestie mit Stöckelschuh und Reizwäsche – alles in ihm steckt: Todesangst angesichts eines drei Nummern zu großen Offizierspatents, überwältigender Herzschmerz. Und plötzlich ist Cherubino viel mehr als nur die übliche pubertierende Lachnummer.

Überhaupt stellt Kay Links Inszenierung die schiere Komödie immer wieder in Frage; die komische Oper "Figaro" kann dadurch nur gewinnen. Frank Alberts nüchternes, mit 08/15-Hotelzubehör möbliertes Bühnenbild macht deutlich, dass Susanna und Figaro, Marcellina (Brigitte Roth) und Bartolo (Florian Kontschak) auch nach der Hochzeit keine rosige Zukunft blüht. Glückliches Ende? Wer die Schlussszene des "Figaro" schon immer zu versöhnlerisch fand, dem wird Kay Links Variante gefallen. Der Regisseur lässt einen Karton mit der Aufschrift "Glück" auf die Bühne krachen, auf die sich alle wie besessen stürzen. Aber wie das so ist mit dem Glück: Vielleicht steckt auch das genaue Gegenteil dahinter. Vielleicht ist es winzig klein. Und wie schnell geht es verloren!

Opernfreunde jedenfalls, das steht fest, kann die Rudolstädter "Hochzeit des Figaro" glücklich machen. Zumindest für einen langen Abend. Und das ist viel.

Ostthüringer Zeitung

 

 

Männer auf Normalmaß gestutzt

Sie ist bunt, sie ist schrill, sie macht unheimlich viel Spaß und zum Schluss kriegen die Mädels was sie wollen, weil sie eben nicht artig sind. Mit "Die Hochzeit des Figaros" hat Kay Link am Theater Nordhausen eine Neuinszenierung von Mozarts beliebtester Oper vorgelegt, die den Nerv der Zeit in vielen Belangen trifft und von starken Frauen lebt. Dafür gab es bei der Premiere reichlich Applaus. [...]
Figaro (A) und Susanna (B) sind Diener am Hofe des Grafen Almaviva (C) und seiner Gattin (D), schwer verliebt und wollen schnellst möglich heiraten. Doch der Graf stellt der Zofe seiner Frau nach. Dies ist die Ausgangslage dieser Opera Buffa, die auch eine ganze Staffel von "Verbotene Liebe" füllen könnte, inklusive Zickenkrieg zwischen Susanna und Marcellina (E). Zum Schluss bekommt jeder, was er verdient und es gibt ein ordentliches Happy End. Zwischen diesen zwei Punkten entspannt Kay Link am Theater Nordhausen eine Hochzeit des Figaros, die einfach Spaß macht.
Frank Albert hat das Ensemble in die Uniformen des globalen Hotel- und Gastronomiegewerbes gesteckt und ein Bühnenbild aus dem Vier-Sterne-Business-Bereich dazugestellt. "Die Hochzeit des Figaros" ist nicht nur ein Bäumchen-Wechsel-Spiel aus vergangenen und vermeintlich glücklichen Tagen. Diese Opera Buffa ist auch eine politische Oper, und das ist sie schon immer gewesen. Es geht auch um oben und unten, Hierarchien und die Ausnutzung von Abhängigkeiten und um listigen Ungehorsam, um zivilen Ungehorsam gegen absolutistische Ansprüche, gestern wie heute, und alles in Musik verpackt. So hat Kay Link das Werk vom Vorabend der französischen Revolution in das Hier und Jetzt geholt. Der Domestik von einst wurde zum Mitarbeiter von heute, ständig und auf allen Ebenen verfügbar.

Aber die Nordhausener Inszenierung bringt zwei weitere Aspekte zum Vorschein. Sie zeigt zum einen, dass Mozart mit seinem Figaro fast schon die Operette des 19. Jahrhunderts vorweg genommen hat, und sie zeigt am Schluss des zweiten Akts im Triumphgesang der Viererbande Almaviva-Bartolo-Marcelllina-Basilio, dass man den Wiener Meister als Urvater des Musical interpretieren kann. Genial und erfrischend.
Diese Hochzeit des Figaros  ist eine Inszenierung, die vor allem von starken Frauen lebt, [...] die zeigt, dass alles im Mozart drinsteckt, und eine solche Aufführung ist eben auch in der Lage, Aussagen zur Zeit zu machen, und trotzdem gibt es ein Happy End und die Mädels bekommen das, was sie haben wollten. Sie sind es, die das Geschehen bestimmen und nicht ihre Kerle. Somit wurde nicht nur der Graf auf Normalmaß zurückgestutzt.

Thomas Kügler, lokalkompass.de & harzerkritiker.blogspot.de

 

 

Im Jahresrückblick der Opern-Kritiker auf Deutschlandradio Kultur (Sylvester-Sendung 2013 von »Fazit«) wurden gleich zu Beginn drei Regisseure wegen »herausragender Inszenierungen« genannt: David Marton (Capriccio, Lyon), Patrick Kinmonth (Die Gezeichneten, Köln) und Kay Link (Die Hochzeit des Figaro, Nordhausen).
Der Kritiker Uwe Friedrich, der auch das hervorragende Dirigat von GMD Markus Frank heraushob, schließt seine Einschätzung mit den Worten: »Hinreißend, wirklich witzig, großartig!«

Dramaturgin Anja Eisner im Gespräch mit dem Regisseur Kay Link

 

Sie sind mit Ihrem Ausstatter auf einen scheinbar ungewöhnlichen Handlungsort gekommen. Bedenkt man, dass man im 17. Jahrhundert in Frankreich die Stadthäuser der Adligen als „hôtel“ bezeichnete, dann ist der Ort geradezu naheliegend. Doch Ihre Gründe, die Oper in einem edlen Hotel zu spielen, waren vermutlich nicht historischer Natur?

 

Doch, im Grunde genommen war das der Weg. Wir haben uns zu Beginn der Konzeption mit andalusischen Schlössern beschäftigt, dem Spielort der Handlung. Dabei erinnerte ich mich an die staatlichen Luxushotels, die ich in Spanien gesehen habe. Diese Paradores  sind in historischen Gebäuden untergebracht, in ehemaligen Klöstern, Burgen und eben auch in Schlössern. So stießen wir erstmals auf das ebenso hierarchisch aufgebaute System Schlosshotel. Und es ist verblüffend, wie sich alle Ebenen eines feudalen Haushalts darauf übertragen lassen, was sich bis heute auch in historischen Livreés, Uniformen etc. zeigt. In Leipzig steht vor einem Innenstadt-Hotel ein livrierter Türsteher mit Zylinder – der sah vor 200 Jahren auch nicht viel anders aus. So verbinden sich Vergangenheit und Gegenwart, ohne dass wir die Handlung oder die Figuren irgendwie verbiegen mussten. Der Graf bleibt oberster Chef – nahezu willkürlich und übergriffig –, Figaro seine rechte Hand, Musiklehrer Basilio verdingt sich als Barpianist – Biografien, wie sie nicht nur im heutigen Spanien vorkommen – und Cherubino bleibt wo er immer war – ganz unten in der Hierarchie: ein Page.

 

Mozart bringt jeder Figur eine gewisse Sympathie entgegen. Er unterstellt jedem individuell nachvollziehbare Motive für sein Handeln. Haben die aus 230 Jahren Entfernung noch Bestand? Der Graf war großherzig, als er das Recht der ersten Nacht abschaffte. Nun tut es ihm Leid, auf die liebgewonnene Gewohnheit verzichten zu müssen. Heute hat doch wohl niemand mehr Verständnis dafür, dass ein Chef seine Hand auf den Oberschenkel der Angestellten legt!

 

Und dennoch kommt es noch immer vor, das ist ja der Skandal. Ein recht bekannter Politik-PR-Berater aus Frankfurt am Main hatte in den 90-er Jahren in seinem sogenannten „Abendsekretariat“ bevorzugt junge Studentinnen angestellt, Dienstkleidung war Minirock (!), da kam es dann schon mal vor, dass er zu später Stunde mit Rotweinglas die Flügeltüren zu seinen Privaträumen öffnete… Eine Freundin von mir kündigte sofort wieder, andere hielten es länger aus.

Diese Übergriffigkeit von Vorgesetzten oder Menschen mit Macht über ihre Schutzbefohlenen ist ja ein zeitloses Phänomen. Beim Grafen ist das aber nur die eine Seite. Auch wenn er ansonsten nichts anbrennen lässt, ist Susanna für ihn doch jemand besonderes. Mozart unterstellt Almaviva neben seiner unbestrittenen Triebhaftigkeit echte Gefühle für Susanna. Klar, sie reizt seinen Jagdinstinkt, weil sie sich widersetzt, doch seine Verletzung im dritten Akt, wenn er per Zufall mitbekommt, dass Susanna ihn unter falschen Vorzeichen in den Garten lockt, erscheint mir echt. Da ist mehr als nur verletzte Eitelkeit.

Mozart bringt seinen Figuren eben nicht nur eine „gewisse Sympathie“ entgegen – er liebt sie. Mit ihren Licht- und Schattenseiten – es sind eben Menschen. So wenig wie der Graf ein vollkommener Mistkerl ist, so sind auch die Gräfin und Susanna keine Heiligen – Gott sei Dank! Sie sind in ihrer Liebe nicht 100% beständig und, wie alle Figuren dieser Oper, erotischen Versuchungen ausgesetzt. Susanna beispielsweise hat am Tag ihrer Hochzeit sichtbaren Spaß daran, den jungen Cherubino auszuziehen. Und wir werden auch nie erfahren, wie es zwischen Gräfin und Cherubino weitergegangen wäre, wenn sie der Graf nicht plötzlich gestört hätte.

 

Mozarts/Da Pontes Schlusstext spricht davon, dass die Personen alle gemeinsam fröhlich zum Festmahl gehen. Happyend einer Buffo-Oper. Wir sehnen uns wie vor 230 Jahren nach dem glücklichen Ende, warum legen Sie leise Zweifel unter das Happyend?

 

Es ist zu viel passiert. Zwischen den Figuren, aber auch in ihnen. Der „Tolle Tag“ war für alle Protagonisten ein großer Selbsterfahrungstrip, reich an Überraschungen, Erfahrungen und Versuchungen aller Art. Insofern ist es teilweise ein positives Ende, aber eben kein naiver „Und sie lebten glücklich und zufrieden“-Schluss, sondern einer mit einem etwas nüchterneren, reiferen Blick in die Zukunft. Die Gräfin verzeiht ihrem untreuen Mann, weil sie diesen Kerl einfach liebt und nicht, weil sie an eine tatsächliche Wandlung in ihm glaubt. Ob sie „für immer“ bei ihm bleiben wird – diese Gewissheit gibt es nicht, sie will dieser Partnerschaft zumindest noch einmal eine Chance geben.

Und nicht zu vergessen: Cherubino hat keinen Grund mitzufeiern – er wird vom Graf in den Krieg geschickt, in dem er dann – gleich zu Beginn des dritten Teils der Beaumarchais-Trilogie – fällt. Ausgerechnet Cherubino, der Gott der Liebe, wird getötet! Ein Happyend sieht anders aus.

Wir haben im Figaro für drei Stunden Menschen auf ihrer Suche nach Glück zugeschaut, unterschiedliche Lebens- und Liebesentwürfe erlebt. Liebe, Sexualität, Partnerschaft, die Suche nach dem großen Glück – das sind, glaube ich, Lebensaufgaben. 

(Quelle: Programmbuch zur Inszenierung)