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Oreste

Oper von Georg Friedrich Händel

»Brennende Aktualität... In selbstbewußter Regietheater-Tradition...« Wiener Zeitung

»Stimmig und gut gemacht. Empfehlenswert.« KURIER

»Eine spannende Geschichte mit Reflexen auf die Gegenwart.« Deutschlandradio Kultur

»Ein Stück über menschliche Abgründe, aber auch ein eindringliches Plädoyer für die Kraft der Zivilgesellschaft.« ORF Fernsehen

Musikalische Leitung:
Regie:
Ausstattung:
Oreste:
Ifigenia:
Toante:
Filotete:
Es spielt das Bach Consort Wien

Händel und die Gewalt

Das Junge Ensemble des Theaters an der Wien und das Bach Consort Wien widmen sich Händels Opern-Pasticcio "Oreste": musikalisch packend, szenisch interessant.

Schon in der Ära von Hans Gabor  – der die Kammeroper 1953 gründete – überzeugten besonders jene Produktionen, in denen Raritäten in avancierten szenischen Deutungen zur Diskussion gestellt wurden. Klug, dass man dieses Rezept auch unter neuer Ägide beibehalten hat: Das intime Haus am Fleischmarkt fungiert als Talentebörse für das Theater an der Wien, das die Kammeroper 2012 übernommen hat. [...]

Gewalt ist das beherrschende Thema des Geschehens. Da ist es auch keine Überraschung, wenn Regisseur Kay Link den auf Brutalität gewissermaßen abonnierten König Toante in einem kahlen Bunker (Ausstattung: Olga von Wahl) platziert. Ein, wie man aus der Geschichte weiß, ideales Refugium für Diktatoren, die ihrer Taten wegen stets eines besonderen Schutzes bedürfen, um nicht selbst einmal Opfer zu werden. Auch wenn Kay Link die Bühne in dunkles Licht (Franz Josef Tscheck) taucht, auf Farben verzichtet seine ganz auf den kleinen Bühnenraum ausgerichtete, auf die Interaktion der Personen fokussierende Inszenierung keineswegs. [...]

Denn die Vielschichtigkeit seiner [Anm.: Toantes] Person zu zeigen, ist eines der Anliegen dieser Szenerie. Aber auch, dass mitunter ein Tyrann dem anderen folgt, wie es die Entwicklung von Oreste demonstriert. Kaum dass Toante ermordet ist, zieht er, der zuvor gegen alle Gewalt aufgetreten ist, mit seiner Frau in den Bunker. Das Mördertreiben geht offenkundig munter weiter...

Musikalisch wurde der Abend von dem mitreißend virtuosem Orest von Eric Jurenas dominiert. Ein Countertenor, dem man getrost eine Weltkarriere vorhersagen kann. Nicht minder überzeugend, und zwar stimmlich wie darstellerisch, ist Frederikke Kampmann als Ermione. Und Ruben Dubrovsky am Pult seines brillant aufspielenden Bach Consort legte nicht nur den Sängern ein idealen Teppich, sondern warf mit seiner brillanten Interpretation auch die Frage auf, wieso man dieses meisterhafte Händel-Werk nicht öfter hört.

Die Presse

 

Ambivalenz des Siegens

Bewegte Wellen im Halbdunkel, eine gehetzte Gestalt wendet sich dem Saal zu, ein Mann in Kapuze und Schwimmweste – ein Bild, das uns die Medien eingebrannt haben: ein Flüchtling. Orest trieben seine Traumata und die Erinnyen bis nach Tauris, wo ihm das Orakel Heilung versprach. Nun muss er feststellen, dass ihn das ersehnte Land als Feind ansieht. »Was habe ich verbrochen?«, fragt er die Opferpriesterin Iphigenie. Die Antwort sitzt: »Jedweder Fremde riskiert in unserem Lande hier sein Leben.«

Mit Oreste  hat das Theater an der Wien nicht nur ein weiteres Musiktheater von Georg Friedrich Händel auf die Bühne der Kammeroper gebracht, sondern auch eine Geschichte von brennender Aktualität. Von dieser Überzeugung wird zumindest die Inszenierung von Kay Link getragen. [...]

Olga von Wahls Ausstattung versetzt die Handlung in eine martialische Vergangenheit jüngeren Datums: ein Mittelding aus Bunker und U-Boot-Friedhof, ein düsterer Flashback ins Schwarz-Weiß alter Spionagefilme, grell kontrastiert von Hermiones lackrotem Taucherinnenanzug und dem Blut der letzten Opfer. In selbstbewusster Regietheater-Tradition stellt Kay Link die Aktion oft in Kontrast zu Text und Musik. Das bleibt manchmal an der slapstickhaften Oberfläche kleben und geht mitunter tiefer: Nach vollbrachtem Tyrannenmord will Orests aalglatte Wandlung vom Rebellen zum Alleinherrscher seine Angehörigen nicht recht froh machen, der Ekel vor dem blutbeschmierten Sieger birgt einen widerständigen Pazifismus. Einstweilen streift Iphigenie die Maske der Priesterin ab und verlässt den Raum – hin zu einem noch mal ganz anderen Leben.

Wiener Zeitung

 

Kammerspiel der Gefühle mit Reflexen auf die Gegenwart

Der Regisseur Kay Link hat Erfahrung mit Händelopern. Bei den Händelfestspielen in Halle wurde Giove in Argo sehr gelobt – nun also 'Oreste', angekündigt als eindrucksvolle Studie über das Dunkle im Menschen. Für welche dunklen Seiten, für welche Affekte interessiert sich Kay Link?

Oreste ist ja eigentlich ein sehr bekanntes Thema, wir kennen das von Goethe […] Allerdings wenn man den Fokus auf Orest lenkt – und das wird durch den Counter-Tenor und die Stimme des Counter-Tenors sehr eindringlich gelegt, dann wird der Fokus gelegt auf einen von Gewissensbissen geplagten, zerrissenen Menschen, und diese dunkle Seite spielt eine große Rolle. Ich würde aber nicht so sehr sagen, dass es vor allem um das Dunkle geht. Das Interessante bei der Inszenierung von Kay Link ist eigentlich das Kammerspiel der Gefühle, ein Kammerspiel, das er in eine Art moderne Phantasy-Welt – ein U-Boot-Wrack ist auf der Bühne – verlegt. Also, es ist eine moderne Zeit. Orest, Iphigenie, die auf Tauris ist, sind in einem Land, in einem gefährlichen Land – für Fremde steht da die Todesstrafe darauf, sie werden geopfert – und das ist eine ganz spannende Geschichte. Eine aktuelle Geschichte, zwar nicht direkt aktuell, aber in so einer Phantasy-Spannung dann doch mit Reflexen auf die Gegenwart.

Und Eric Jurenas, der Counter-Tenor, der den Oreste verkörpert, hat Sie der überzeugt?

Ja, mich überzeugt eigentlich überhaupt diese Art von Oper. Es werden schon die Zerrissenheit, die Gewissensbisse beispielsweise in diesem Counter-Tenor manchmal vielleicht eindringlicher, manchmal vielleicht sogar moderner oder zeitgenössischer als in der Oper des 19. Jahrhunderts dargelegt. Und es ist ein sehr junges Ensemble. Und bei der Inszenierung selbst muss man sich vorstellen, dass wirklich jede einzelne Arie ein einzelnes Stück gewesen ist. […] Und jede Arie hat aber auch musikalisch und – das ist hier sehr dramatisch dargestellt worden, ich fand also Händel einen richtigen Opern-Dramatiker heute – das wird bei jeder Arie wieder deutlich, diese Gefühle, die zur dramatischen Spannung führen.

Bernhard Doppler, Deutschlandradio Kultur (Fazit)

 

»Oreste« in der Kammeroper: Tyrannenmord als Koloraturensport

So mitreißend sie oft sind, kann man Barockopern aus Librettosicht häufig vorwerfen, nicht die differenzierteste Sicht auf menschliche Charaktere zu haben. Dass dies keineswegs zwingend der Fall sein muss, stellt derzeit die Wiener Kammeroper mit Georg Friedrich Händels 'Oreste' unter Beweis. Regisseur Kay Link zeigt die Version der "Iphigenie auf Tauris" als Parabel auf die Ambivalenz von Macht.

Und auf diesem Tauris herrscht keine Willkommenskultur – werden Flüchtlinge doch als vermeintliche Bedrohung praktisch stehenden Fußes zum Scharfrichter geschleift. Hier streift Link bei seinem Kammeroper-Debüt nicht nur das Flüchtlingselend, sondern auch die Themenbereiche Überwachungs- und Polizeistaat, ohne diese allzu plakativ auszubreiten. Vielmehr legt er subkutan vorhandene Bezüge offen, Ambivalenzen der Charaktere. Da mutiert die vermeintlich freudig-harmlose Abschlussarie "In mille dolci voci" von Oreste, der gerade den Tyrannen getötet hat, zur zynischen Freiheitshymne als Begleitung der neuen Machtübernahme.

Dass diese Gratwanderung mit Umwegen in beide Richtungen so nahtlos aufgeht, ist einerseits das Verdiensteiner zeitgemäßen Übersetzung, vor allem aber dem Spiel des einzigen Kammeropern-Gastes Eric Jurenas geschuldet. Der US-amerikanische Counter erinnert von Beginn weg eher an eine Figur aus "Trainspotting", denn den griechischen Helden Orest, deutet früh den Gang in den (Macht-) Wahn an und rührt und verführt zugleich mit koloraturensicherem Gesang. [...]

Die übrigen Protagonisten rekrutieren sich hingegen aus dem Jungen Ensemble des Theaters an der Wien, das sich für seine Partien ordentlich ins Zeug legen muss. Link hält von Rampentheater wenig, und so muss jeder Akteur während seiner Arien in Bewegung bleiben – und etwa aus dem Orchestergraben im Taucheranzug auf die Bühne klettern. Oder eine Arie wird recht rüde durch das Abführen des Sängers unterbrochen.

Dass bei aller psychologischen Vielschichtigkeit der Spaß nicht zu kurz kommen muss, dafür sorgt nicht nur der Bach Consort unter Ruben Dombrovsky im Graben, wo man nach anfänglichem Übereleganzen schließlich ordentlich Gas gibt. Auch wenn an der verschenkten Pralinenschachtel bei der Liebeswerbung gerade noch rechtzeitig das Preisschild entfernt wird, stellt Link unter Beweis, dass ein Barocklibretto keineswegs eindimensional interpretiert werden muss – egal in welche Richtung. 
APA (Austrian Press Agency)

 

Gefangene in der Spirale ewiger Gewalt

Georg Friedrich Händels Oreste überzeugt in der Wiener Kammeroper

Wenn Diktatoren stürzen, ist Jubel angebracht. Doch was, wenn ein Verbrecher letztlich zwar (durch Abschlachten) zu Tode kommt, der neue Herrscher aber ebenfalls ein grausam-wahnsinniges Regiment errichten wird? Mit dieser Frage hat sich Regisseur Kay Link bei seiner Interpretation von Georg Friedrich Händels Oreste ausgiebig beschäftigt und die klare Ansage getroffen: Es gibt kein Happy-End, denn die ewige Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter und weiter...

Mit seinem Oreste  hat Händel im Jahr 1734 ein so-genanntes Opern-Pasticcio  (Libretto nach Giovanni Gualberto Barlocci) herausgebracht. Sprich: Händel hat Arien aus vielen anderen seiner Werke übernommen und in eine neue Form gegossen. Und das überaus stringent, ohne gröbere Brüche. Somit funktioniert die Geschichte rund um den Muttermörder Oreste, der nach Tauris gelangt, wo seine Schwester Ifigenia auf Geheiß des Tyrannen Toante Menschenopfer bringen muss, tadellos. Auch in der vom Theater an der Wien bespielten Kammeroper. Dort hat Ausstatterin Olga von Wahl ein klaustrophobisches U-Boot-Ambiente aufgebaut, in dem all die geschunden Kreaturen in einer Art Überwachungsstaat hausen. Und Regisseur Link bedient sich in seiner Inszenierung zahlreicher Versatzstücke: James Bond lässt da ebenso grüßen wie Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un; Reminiszenzen an berühmte Filme und an die Flüchtlingskrise inklusive. Das ist meist stimmig und gut gemacht. [...]

Und der Gesang? Da hat man mit dem vokal agilen, fabelhaften Countertenor Eric Jurenas als Oreste einen großartigen Singschauspieler zu Gast, der die Mitglieder des Jungen Ensembles des Theater an der Wien anführt. Von diesen ist die Sopranistin Frederikke Kampmann eine sehr starke Ermione, der ihre Kollegin Carolina Lippo als Ifigenia allerdings in nichts nachsteht. Tenor Julian Henao Gonzalez ist ein guter Pilade; Bassist Florian Köfler lässt in der kleinen Partie des Filotete aufhorchen. Bariton Matteo Loi dürfte als brutalerToante aber ruhig noch böser sein. Empfehlenswert.    Kurier

 

Menschliche Abgründe und Kraft der Zivilgesellschaft

Ein U-Boot als Bunker und Machtzentrale. Ein Tyrann, der jeden Fremden, der sein Reich betritt, brutal ermorden lässt. Regisseur Kay Link findet in Georg Friedrich Händels Werk jede Menge Bezüge zu unserer Gegenwart. [O-Ton Kay Link] „Es war faszinierend, dass der Mythos, der so uralt ist, gleichzeitig so aktuell ist. Und dieser Satz „Jedweder Fremde riskiert in unserem Lande hier sein Leben“ – als wir das gelesen haben, der sprang uns ja förmlich an in diesem Jahr 2016, das hinter uns liegt; da muss man ja gar nichts überinterpretieren.“

Händels Oper – ein Stück über menschliche Abgründe, aber auch ein eindringliches Plädoyer für die Kraft der Zivilgesellschaft.

ORF Fernsehen (Nachrichtensendung ZIB)

 

Vital und aktuell

Die Neuproduktion des Theater an der Wien zeigt wie aktuell die barocke Oper ist, die auf das mythologische Drama Iphigenie bei den Taurern zurückgeht.

In eine Schwimmweste gekleidet und ohne Schuhe rettet sich Orest aus dem Meer in den sicheren Hafen. Auf der Insel Tauris glaubt der verfolgte Muttermörder in Sicherheit zu sein. Doch dort herrscht der grausame König Thoas, der jeden Fremden hinrichten lässt aus Angst seiner Macht beraubt zu werden. [...]

Diese Direktheit [Anm. des Raums der Kammeroper] setzt auch der Regisseur Kay Link in seiner Inszenierung ein, nutzt den gesamten Raum für sich, versetzt das griechische Drama in eine paranoide Dystopie, die Bühne zum dunklen beengenden Bunker umfunktioniert, steigt Orest vom Zuseherraum aus, den Orchestergraben überwindend, aus dem Meer in sein Verderben.

Aus dem bereits von Händel stark komprimierten italienischen Libretto hat der Regisseur sämtliche Ballettszenen gestrichen. Denn zum einen habe die Kammeroper ohnedies kein Ballett, zum anderen würden sie nichts zur Handlung beitragen, so Link.

[O-Ton Link] „Wir haben einen Teil der Musik aber gerettet für Szenenwechsel […] wir sind da wie Händel ganz theaterpragmatisch vorgegangen. Nur man muss eben schauen, wenn die Gewichtung in den Musiknummern tendenziell ins Melancholische geht, dass wir trotzdem eine Energie von dieser Musik bekommen, und da muss man ein bißchen eine Gegenenergie aufbauen, gegen die Larmoyanz und das Klagende, was manchen Nummern innewohnt.“

Dadurch verleiht der Regisseur diesem eher schweren Stoff, voll von leidenden Figuren, die allesamt eine Blutspur hinter sich herziehen, eine Vitalität, unterstützt durch Rubén Dubrowsky, der Händels barocken Klängen, sowohl die südamerikanischen als auch afrikanischen Rhythmen entlockt, und das knapp 300 Jahre nach der Uraufführung.

ORF (Radio)

Oreste  wurde zu den Händel-Festspielen 2018 eingeladen. Am 2. und 3. Juni 2018 gastierte das Theater an der Wien/Kammeroper für drei Vorstellungen im Schloßtheater Bernburg.

Heimatlos, von Wahnbildern und Schuldgefühlen verfolgt, flieht ein junger Mann übers Meer. „Ich habe meine Mutter umgebracht“ – dieser Satz geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Hinter ihm die Erinnyen, die ihn nicht ruhen lassen. Er, der sich erschöpft und am Ende seiner Kräfte nach Frieden und Heilung sehnt, landet ausgerechnet wieder an einem Ort der Gewalt – und sitzt in der Falle. Der Name des Mannes: Orest.

Das ist der Ausgangspunkt der Oper Oreste. Man kommt nicht umhin, sich mit der Blutspur zu beschäftigen, die die Atriden, deren letzter Spross Orest ist, hinter sich herziehen. Und dann entwickelt man eine Ahnung davon, welche Abgründe und welches Entsetzen in den Figuren dieser Oper lauern. Man stelle sich vor, dass der Mörder Orest als kleiner Junge selbst bereits Zeuge eines Mordes war – sein Vater Agamemnon wurde von seiner Mutter im Bad erschlagen, unter Mithilfe Ihres Liebhabers Ägisth. Der hatte auch den Thronfolger, den kleinen Orest, töten wollen, doch Elektra schafft ihn noch rechtzeitig fort. Klytämnestras Tat ging die versuchte Opferung der gemeinsamen Tochter Iphigenie voraus. Auch das muss man sich vorstellen: Als Kind vom Vater fast geschlachtet, wurde Iphigenie zwar von der Göttin Artemis gerettet, doch dafür wird sie fortan gezwungen, das religiöse Feigenblatt für Thoas‘ politische Morde zu sein und all die Fremden, die auf Tauris landen, zu töten. Tag für Tag, Jahr für Jahr... Wie hält ein Mensch so etwas aus? Wie kann man mit so einer Bürde weiterexistieren? Was hält diese Frau am Leben?

Das Betrachten der Vorgeschichte machte es meiner Ausstatterin, Olga von Wahl, und mir leichter, die Figuren nicht nur als Namen in einem übermenschlich großen Mythos, sondern als Menschen aus Fleisch und Blut zu verstehen. Beschädigte Individuen, die aufeinander stoßen. Iphigenie rettet den Bruder, ohne dass die beiden wissen, wer der andere ist und wie sie ihre rätselhaften Gefühle füreinander deuten sollen.

Thoas, der Gewaltherrscher, ist bei Händel sehr düster gefasst, ein Bösewicht durch und durch, keine Spur der Milde, die später bei Goethe den König umweht. Ein vielschichtiger Charakter ist natürlich auf der Bühne viel spannender als ein ganz und gar schwarzer – wie ja auch die ausschließlich Guten eher langweilig sind. Deshalb machten wir uns bei Thoas während der Vorbereitung und auch im Probenprozess auf die Suche nach weiteren Farben. Nicht um ihn sympathischer zu machen – ein Massenmörder bleibt ein Massenmörder –, einfach um mehr über ihn zu erfahren. Was treibt diesen Mann an? Welche Defizite und Sehnsüchte hat er? So ist unser Thoas trotz all seiner Macht ein einsamer, von Ängsten zerfressener Mann. Ihm wurde ja prophezeit, eines Tages von Orest getötet zu werden. Da er aber nicht weiß, wie dieser Orest aussieht, lässt er einfach alle Fremden über die Klinge springen. Eine Aufgabe, die er an die Priesterin Iphigenie delegiert hat, politischer Massenmord als religiöses Opfer getarnt. Paranoia und Größenwahn ergeben eine gefährliche Mischung – Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart sind leider sehr vielfältig.

Aber das Personal der Oper zeigt uns auch „unbeschädigte“ Menschen: Hermione, Orests Frau, reist todesmutig den weiten Weg ihrem Mann hinterher. Mit dabei im Team ist Pylades, der Freund bei dem Orest aufwuchs – eine tiefe, leidenschaftliche Freundschaft. Die beiden kommen voller Tatendrang aus einer Demokratie – und landen in einer Diktatur, einem Staat wie beispielsweise Nordkorea. Dass ihr Rettungsplan nicht ausgereift ist und irgendwie auch grenzenlos naiv erscheint – man reist nicht einfach wie 007 in ein solches Regime ein, schnappt sich den Gatten und Freund, und reist wieder ab – kann man den beiden kaum vorwerfen. Sie sind ahnungslos, dafür aber voller Liebe und Mut. Die beiden Figuren sind es auch, die Leichtigkeit und Frische in die Handlung bringen, ja auch etwas Humor, der auf den ersten Blick dieser Oper fehlt, jedoch für die Fallhöhe und die Kontraste einer Barockoper so wichtig sind.

Unser Bühnenraum hat viel mit Thoas, dem Herrscher von Tauris (heutige Krim), zu tun, der sich angstbesessen einbunkert, immer in Panik, seinem Mörder zu begegnen. Der Kontrast eines unterirdischen Bunkers, wie dem U-Boot-Bunker Valentin in Bremen oder den gewaltigen Anlagen, die die Deutschen im zweiten Weltkrieg in Bordeaux bauten, und dem weiten, offenen Meer, über das Orest, aber auch Hermione, Pylades und eins Iphigenie nach Tauris kommen, ist maximal. Auch ein Manöver-Foto vom nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Un – auf der Suche nach einem vermissten U-Boot – inspirierte Olga von Wahl ihrem Bühnenbild von Oreste: sie hat ein großes metallisches Objekt in den Bühnenraum der Kammeroper gerammt, das an ein verkeiltes U-Boot erinnert, zugleich Versteck und Machtzentrale. Es ist jedoch auch das Zeichen einer Havarie – Thoas‘ Macht ist in Gefahr, ihr Niedergang ist bereits im Gang.

Es geht bei Oreste also um die unheilvolle Kraft von Angst und Gewalt, aber auch um die Kraft der Liebe und der Solidarität. Nachdem Händel seinen Opern oft ein lieto fine, also ein glückliches Ende gegeben hatte, verzichtete er hier ganz auf die Läuterung des Herrschers. In einem couragierten Akt der Rebellion – angeführt von den Frauen! – stürzt das Volk den Herrscher. Die Zivilgesellschaft wehrt sich erfolgreich gegen einen Autokraten, eine schöne und kraftvolle Vision. Einziger Schönheitsfehler: Thoas wird von Orest regelrecht abgeschlachtet und eben nicht einer ordentlichen Gerichtsbarkeit wie beispielsweise dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag übergeben. Orest erweist sich als Atridenspross und zeigt auf einmal wieder seine gewalttätige Seite, die neue Ära der Freiheit beginnt mit blutiger Rache, die Blutspur geht weiter. Wie Muammar al-Gaddafi fällt auch dieser Diktator der Lynchjustiz zum Opfer. Wir haben uns gefragt, was aus einem solchen Staatswesen wird, das mit einer solchen Bluttat beginnt? Ich habe meine Zweifel, ob das Happy End, das in dieser Oper ganz ohne Deus ex Machina oder Spontan-Läuterung des Herrschers auskommt, wirklich ein glückliches Ende ist. Deshalb wenden sich bei uns Schwester und Freund entsetzt von Oreste ab, einzig Hermione bleibt trotz inneren Widerstands bei Ihrem Mann. Thoas‘ rechte Hand Philoktet dient sich in dieser Zeit des Übergangs und der Wendehälse dem neuen Herrscher geschmeidig an. Iphigenie kann nach all dem, was sie erleben musste, kein Blut mehr sehen und steigt aus. Sie verlässt dieses System, verlässt die Krim, verlässt die Bühne. Der allein gebliebene Pylades hingegen wählt, um mit Wolfgang Herrndorf zu sprechen, eine andere „Exit-Strategie“.

Die Gewalt der Worte, die Verrohung der Sprache und des gesellschaftlichen Diskurses geht der tatsächlichen tödlichen Gewalt voraus. „Jedweder Fremde riskiert in unserem Lande hier sein Leben“ – dieser Satz des Librettos hat mich in seiner schauderhaften Aktualität regelrecht angesprungen. Ich sehe in ihm eine Verpflichtung für uns Theaterschaffende. Wir können es uns im Musiktheater nicht leisten, unpolitisch zu sein. Oper hat mit dem hier und heute zu tun. Auch das ist die Qualität dieses Händel-Pasticcios.

Kay Link

Folgende youtube-links zeigen kleine Ausschnitte aus der Inszenierung: