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Boabdil – Re di Granata

Oper für vier Frauen und zwei Klaviere von Giuseppe Balducci

»Intelligent« Opernwelt

»Brilliant« New Zealand Opera News

»DIE Entdeckung des Festivals« Focus Musikszene

Musikalische Leitung:
Michele d' Elia
Regie:
Bühnenbild:
Kostüme:
Boabdil, König von Granada:
Lilianna Zalesinska
Abenamet, Heeresführer Granadas :
Jasia Julia Niesen
Zoraide, Verlobte Abenamets :
Letizia Calandra
Inés, eine Vertraute Zoraides :

Boabdil – Re di Granata

Ein dankbares Betätigungsfeld für vier junge Damen der Wildbader Belcanto-Akademie, in einer szenischen Einrichtung von Kay Link, die das Spiel intelligent aus der durchbro­chen-distanzierten Workshop-Atmosphäre hervorwachsen ließ.

Opernwelt

 

Boabdil - Re di Granata came very close to disaster, but was brilliantly rescued by an inventive and imaginative director, Kay Link. Twelve days out from the first performance, the mezzo-soprano singing the title-role of Boabdil withdrew. [...] The ideas worked brilliantly, and seemingly insuperable problems were solved"

New Zealand Opera News (September 2008)

 

Balduccis “Boabdil” war die Entdeckung des Festivals in Bad Wildbad!

Focus Musikszene

 

Witzige szenische Einrichtung von Kay Link!

Stuttgarter Zeitung

 

 

 

Wenn höhere Töchter Opern singen – Balducci beim Rossinifestival

180 Jahre lang schmorte das Werk in den Opernarchiven. "Rossini in Wildbad" kann wieder einmal mit einer Entdeckung aufwarten. Ein unbekann­ter Komponist, eine unbekannte Oper, und dennoch ein durchschlagender Publikumser­folg.

Giuseppe Balducci (1796-1845) ist selbst Opernexperten nicht geläufig. Dabei hat er neben fünf großen Opern für professionelle Ensembles in den 1830er Jahren fünf so genannte Salonopern komponiert. Damals wirkte er als musikalischer Hauslehrer der Fa­milie Capece Minutolo. Für die drei Töchter der Großgrundbesitzer bei Neapel kompo­nierte er diese "musiktheatralische Hausmusik". Das Ensemble setzte sich aus den Capece-Töchtern Paolina, Adelaide, Clotilde und deren Freundinnen zusammen. Das "Orchester" bestand aus zwei Klavieren. Und so werden auch in "Boabdil" die Männerrol­len von jungen Frauen gesungen.

Die Geschichte von Boabdil, dem letzten Maurenkönig in Grenada, erzählt wie der Herr­scher seinen Feldherren Abenamet in den Tod schickt, um dessen Braut Zoraide zu er­obern: Ein rabenschwarzes Stück, in dem das Böse triumphiert. Die irritierende Tatsache, dass höhere Töchter in einem Salon reicher Großgrundbesitzer im Jahre 1827 eine so "amoralische" Oper aufführten, wird von Regisseur Kay Link in den Mittelpunkt seines Konzeptes gerückt. Man erlebt auf der Bühne wie junge, hoch begabte Sängerinnen in einem Workshop ein Stück vorführen. Das schafft Raum für ironische Brechungen. Das Publikum im Wildbader Kurtheater sitzt im neapolitanischen Salon des 19. Jahrhunderts.

Der neuseeländische Musikwissenschaftler Jeremy Commons hat die Salonopern Balduc­cis in den Archiven des Konservatoriums San Pietro e Majella in Neapel ausgegraben und zum Teil aus Bruchstücken rekonstruiert. Ihm verdankt "Rossini in Wildbad" das Auffüh­rungsmaterial. Commons Mühe hat sich gelohnt. Balducci erweist sich nämlich als geschickter Opern-Praktiker. Meisterhaft schafft er mit zwei Klavieren die Illusion eines farbenreichen Orchesters. Der Reichtum seiner melodischen Einfälle muss sich vor Mei­ster Rossini nicht verstecken. Und in den großen Ensemblesätzen beweist er viel Sinn für musiktheatralische Effekte..

Martin Roeber

dpa / BNN / Kieler Nachrichten / Schwarzwälder Bote

 

 

In Form eines Workshops wurde durch Kay Link ein szenisches Konzept erstellt, in dem sich die Sängerinnen vom privaten Alltag in die Rollen verwandeln und altertümliche Kostüm-Versatzstücke über ihre Kleidung ziehen. Eine Reihe von Stühlen, Schirme, ein als Thron dienender Hochsitz sowie griffbereite Notenständer stehen für eine probenartige Situation. […] Maria Lantzouraki schoß als Inés den Vogel ab, setzte ihren rundum gefestigten Sopran mit Biß und Eloquenz ein und brachte leicht süffisante Elemente ins Spiel. Am Ende: Ovationen.

Der neue Merker

 

 

 “The production, by a young German, Kay Link, was highly imaginative and worked extremely well.”

Jeremy Commons,
Musikwissenschaftler und Entdecker Balduccis

 

Spiel mit der Geschlechteridentität

Gelungene Rekonstruktion

Mit großer Wahrscheinlichkeit erklang die Kammeroper für zwei Klaviere, Harfe und vier Sängerin­nen nach ihrer privaten Uraufführung 1827 nie wieder. Dank der unermüdlichen Forschungsarbeit von Jeremy Commons konnte „Boabdil – Re di Granata“ rekonstruiert und aufführungsfähig gemacht werden. Die Geschichte um den letzten Maurenkönig auf spanischem Boden, der seinen Freund Abenamet in eine tödliche Falle lockt, um dessen Braut Zoraide zu gewinnen, wird nun als erste moderne Wiederaufführung von der Akademie BelCanto als Beitrag zu „Rossini in Wildbad“ im Kurtheater präsentiert.

Wobei aus der finanziellen Begrenzung durchaus ästhetischer Gewinn gezogen wird, ist diese Aus­grabung unter dem Vorbehalt des Workshopcharakters des Unternehmens doch gelungen. Mit ein­fachen Mitteln hat Kay Link, der szenische Leiter des Workshops, eine auf verschiedenen Ebenen spielende Sicht auf „Boabdil – Re di Granata“ vorgelegt.

Wobei er dem Spiel mit der Geschlechteridentität, alle Rollen werden von Frauen gesungen, durch­aus überraschend-irritierende Momente abgewinnen kann. Von Balducci sicher nicht so intendiert, bekommt „Boabdil – Re di Granata“ moderne Züge. Anton Lukas hat für die Inszenierung einen schwarz ausgeschlagenen Raum mit spärlichen Requisiten (Stühle, Garderobe, Schirme), Claudia Möbius Kostüme geschaffen, die die Ebenen der Handlungszeit des 16. Jahrhunderts, der Ent­stehungszeit der Oper und der Gegenwart der Sängerinnen vereinen, die zu einem Opernworkshop kommen, der „Boabdil – Re di Granata“ zum Thema hat.

So entwickelt sich ein ansprechendes Spiel, das auch die unterschwelligen homoerotischen Töne des Verhältnisses von König Boabdil (Lilianna Zalesinska) zu seinem früheren Freund Abenamet (Jasia Julia Nielsen) und jetzigen Rivalen um die Gunst von Zoraide (Letizia Calandra) zum Thema hat.

Zugleich wird die undurchsichtige Rolle der Dienerin Ines (Maria Lantzourki) in der Aufführung her­vorgehoben, die beiden Seiten verpflichtet scheint. Der musikalische Leiter Michele d’Elia und sein Partner Ugo Mahieux am zweiten Flügel boten eine aparte Umsetzung der einfallsreichen Partitur von Balducci, die kaum Wünsche offen ließ.

Pforzheimer Zeitung


Ein musikalisches Kammerspiel gelingt

Salonoper „Boabdil – Re di Granata“ (Die Liebenden von Granada) zum Auftakt des Rossini-Festivals neu erweckt

Viele Krankheiten und Ausfälle, dadurch kurzfristige Umbesetzungen und unstudiert anreisende Sängerinnen und nur neun Tage Zeit für die szenischen Proben – eine Woche weniger als ursprünglich ohnehin schon zeitlich eng angesetzt –: Regisseur Kay Link und musikalischer Leiter Michele d’Elia sind nicht zu beneiden gewesen um ihre Aufgabe. Um so lobenswerter, was der Leiter des szenischen Workshops zusammen mit d’Elia und das Ensemble im Königlichen Kurtheater Bad Wildbad zum Vorausauftakt des Rossini-Festi­vals auf die Bühne zaubern. Die Opera seria in zwei Akten „Boabdil – Re die Granata“ (Die Liebenden von Granada) von Giuseppe Balducci, vermutlich seit ihrer ersten Auf­führung im privaten Rahmen 1827 niemals wieder aufgeführt, erlebt mit ihrer Urauffüh­rung, sprich ersten öffentlichen Aufführung in Wildbad ein kleines musikalisches Kam­merspiel mit äußerst intensiven Szenen voller atmosphärischer Intimität.

Es ist das Ergebnis eines Workshops der Akademie BelCanto und als solcher „work-in progress“, solch ständiger Prozeß des Entstehens wird dieser Charakter bewußt unterstri­chen und aus der Not des Unfertigen eine Tugend des Dramaturgischen machend insze­natorisch in eine Rahmenhandlung zum eigentlichen Opern-Geschehen eingebaut, in der die vier Protagonistinnen als private Sängerinnen agieren und das dann doch notwendig werdende Notenbuch auf dem fahrbaren Notenständer zum fast selbstverständlichen Re­quisit mutiert. Mit diesen verschiedenen Ebenen spielend gelingt es auf diesem Zwi­schenstand von Akademie-Workshop zur ausgereiften Inszenierung die undramatische Statik einer rein konzertanten Aufführung zu vermeiden. Dafür haben sich die vier „wol­lenden“ Sängerinnen mit Proben in drei Schichten (10 bis 13, 14 bis 18 und 19 bis 22 Uhr) auch mächtig ins Zeug gelegt.

Geführt an den beiden Flügeln von Michele d’Elia und Ugo Mahieux, der auch für die mu­sikalische Einstudierung verantwortlich zeichnet, entfaltet sich im von Anton Lukas gestalteten Raum mit Garderobenständer und Stühlen eine interessante Inszenierung mit leisem Humor, leicht hingeworfener Choreografie und schönen Lichtstimmungen (Markus Knoblich). Da fallen zum Auftakt – getreu dem Workshop-Charakter – von oben der Packen mit den Notenbüchern und eine große Plastiktasche mit den von Claudia Möbius stilisierten Kostümen herunter. Alle vier Partien für weibliche Stimmen geschrieben zeichnet Lilianna Zalesinska mit anfänglich zurückhaltendem Volumen einen mimisch schönen in den Höhen sehr sicheren Boabdil, König von Granada. Letizia Calandra gibt eine vielleicht mitunter ein bißchen zu theatralische, stimmlich klare Zoraide, Verlobte Abendamets. Und Jasia Julia Nielsen stellt einen fein austarierten Abendamet, Heeres­führer Granadas dar. Witzig mit viel Farbe im Spiel, einen schönem Volumen und klang­lich glasklarer Stimme nutzt Maria Lantzouraki als Ines, eine Vertraute Zoraides, den ihr von der Regie größer gestalteten, ins Zentrum gerückten Freiraum mit einer durch ein vielsprechendes Mienenspiel untermalten starken, präsenten Leistung.

Mit sensibler Hand modernisiert und witzigen Details nuanciert trifft die Inszenierung und füllt die Darstellung mit Leben. Anhaltender Applaus ist der gerechte Lohn.

Der Enztäler

Eine Oper für vier Frauen und zwei Klaviere – das hörte sich für mich gleich spannend, ja irgendwie modern an. Was für den armen Balducci Zwang und eine Notlösung war, ist für uns heute eine reizvolle Konstellation. Frauen spielen Männer, singen Liebesduette, streiten sich um andere Frauen – ein lustvolles Spiel mit den Geschlechtern findet statt, erotische Verwirrung allenthalben. In der Szene, in der Boabdil seinen langjährigen Gefährten Abenamed in den sicheren Tod schickt, gibt es in ihrem Duett trotz der erklärten Abneigung, dem Neid und der Eifersucht einen geradezu zärtlichen Zwischenteil. Da singen zwei Frauen, die zwei Männer spielen, eine Art Liebesduett. Kurz darauf wird das mit sehr männlichem Gestus wieder zugedeckt, als ob es den beiden unangenehm wäre. Was war das eigentlich für eine Freundschaft bevor Zoraide dazukam? Wenn die beiden dann vom Objekt ihrer Liebe (objecto de’ll amor) singen, ist man als Zuschauer nicht mehr ganz sicher, wer jetzt eigentlich gemeint ist – Zoraide oder gar der Widersacher? Penthesilea zerfleischte ja auch ihren Achill.

Zoraide wiederum bekräftigt ihre Ablehnung Boabdils („ich werde Dich niemals lieben“) so oft und so lange, bis man – Belcanto hin oder her – geradezu skeptisch werden muß, ob dem tatsächlich so ist. Abenamet und Boabdil, die ehemaligen Freunde, das sind zwei ganz ungleiche Alternativen, die wohl beide Ihren Reiz auf Zoraide auszuüben scheinen – der Zweifler und die Kampfmaschine. Darf man den potentiellen Mörder seines Partners lieben? Und macht das moralische Verbot ein solches Gefühl nicht noch aufregender? Man las ja schon von Geiseln, die sich in Ihre Verführer verliebten. Und Macht und Reichtum sind ja ohnehin sexy…

Ein spannendes Dreieck ist diese Personenkonstellation also. Ich sage Dreieck, und was ist mit Ines, der vierten im Bunde, der einzigen, die einen nicht-arabischen Namen trägt? Laut Libretto eine brave Vertraute von Zoraide. Und mindestens so gut wie ihre Herrin. Gibt es auf der Bühne etwas Langweiligeres als Helden und Heilige? Meine Vermutung, daß Ines vielleicht gar nicht so treu und loyal ist, kam mir bei der Frage, wem Boabdil im ersten Bild eigentlich seine Intrigen-Pläne anvertraut. Laut Libretto irgendwelchen stummen Getreuen. Sobald ich mir vorstellte, Ines sei es womöglich, die da ein doppeltes Spiel treibt, bekam die ganze Geschichte eine unheimliche Note. Wenn auch nicht ganz klar wird, auf was sie aus ist, gibt eine solche Figur, die im Hintergrund die Fäden zieht, das Personendreieck gleichsam umspinnt, dieser Oper eine zusätzliche, spannende Note.

Überhaupt lehrte mich die Musik viel über die Figuren, die einem zunächst doch sehr grobschnittig vorkommen: der Böse, der Held, die Grundgute und ihre Freundin. Doch Balducci zeigt uns die Zwischentöne auf, vielleicht ganz unbeabsichtigt. Denn vieles, was damals einfach dem Schöngesang dienen sollte, irritiert uns heute. Schrecklichste Gefühlszustände werden musikalisch in fröhlicher Gelöstheit präsentiert und noch mit ein paar gurrenden Verzierungen gekrönt. Diese Künstlichkeit kann man aber auch nutzen. Und dann entsteht manchmal ein ironisches Moment, eine Schärfe. So ist unsere Zoraide nicht nur „gut“, Abenamed mehr als ein makelloser Held, unser Boabdil nicht nur böse und Ines keine blasse Nebenfigur. Mischcharaktere eben. Etwas anderes kann man, außer im Märchen, heute kaum mehr auf die Bühne stellen.

Apropos heute und damals: Es sind drei Zeitebenen, mit denen wir uns beschäftigen mußten: Das 15. Jahrhundert, also die Zeit, in der der historische Maurenkönig lebte, dann das 19. Jahrhundert, die Entstehungszeit der Oper und das 21. Jahrhundert, heute, Bad Wildbad 2007. Und genau davon gingen wir in unserem Workshop aus: Die Situation von jungen Sängerinnen, die eine Belcanto-Oper über den letzten Maurenkönig auf spanischem Boden spielen sollen. Was wir präsentieren, ist ein Zwischenergebnis, eine Station auf dem Weg zu einer Operninszenierung. Deshalb verleugnen wir den Workshopcharakter auch gar nicht, spielen mit der Verunsicherung der Darstellerinnen, die die Geschlechter wechseln bzw. mit einem androgynen Gegenüber konfrontiert werden, greifen ab und zu auch nach dem rettenden Notenständer.