< >

Giove in Argo

Oper von Georg Friedrich Händel (HWV A14) – Szenische Erstaufführung nach der Hallischen Händel-Ausgabe

»Giove in Argo bereicherte die Händel-Festspiele und begeisterte das Publikum.« Mitteldeutsche Zeitung
»Witzige, originelle und hilfreich deutende Inszenierung, irgendwie doch spürbar passend eingefügt in das historische Theatergebäude.« MDR meinfigaro.de

Musikalische Leitung:
Regie:
Ausstattung:
Arete (Giove):
Calisto:
Natalia Rubis
Erasto (Osiris):
Liacone :
Orchester & Vokalensemble:

Liebe, Intrigen, Mord- und Totschlag

»Giove in Argo« begeistert Publikum

Händel komponierte nicht nur, was das Zeug hielt, sondern behielt stets das Wohlwollen seiner Gönner und die Nachfrage nach seinen Werken im Auge. Wenn die Quoten schwächelten, reagierte er auch mit unkonventionellen Methoden wie dem Recyceln von einstigen Erfolgen. Das Ergebnis nannte sich dann Pasticcio. So wie 1739 mit jenem „Giove in Argo“, der jetzt auch die Händelfestspiele in Halle bereicherte. Und das Publikum in Bad Lauchstädt begeisterte. [...]

Regisseur Kay Link und seine Ausstatterin Olga von Wahl übersetzten die Geschichte so ins Heute, dass sich die Zuschauer einen Reim auf das Liebes-Hin und Her und die Intrigen, inklusive Mord- und Totschlag, machen konnten.

Es fängt an mit dem gestürzten Tyrannen von Arkadien (mit kernigem Bass: Johan Rydh) an. In Lauchstädt wirkt der wie ein Banker auf der Flucht. Da werden die hübsch gemalten arkadischen Landschaften alsbald von der Abflug-Halle eines Flughafens abgelöst, auf dem alle Flüge gecancelt sind. Also baut man sich das mitgebrachte Zelt auf, steht am WC an, verlegt das Schäferstündchen aufs Förderband der Gepäckkontrolle oder schraubt sich mal eben eine Maschinenpistole zusammen.

Ansonsten führen die Stewardessen unter dem strengen Charme Dianas (Barbara Emilia Schedel) das Regiment. Zeus taucht in weißer Kapitänsuniform als Arete getarnt auf, um als Schwerenöter (Krystian Adam mit Machocharme) die gestrandete Iside (wohltimbriert: Roberta Mameli) anzuschmachten, wobei er ihren Verlobten (Thilo Dahlmann) einfach so lange ignoriert, bis der ausrastet.

Als Calisto (Natalia Rubis) auftaucht, um  ihr Rachesüppchen zu kochen, gerät sie ebenfalls in das Visier des Verführers, der eine Menage a trois vorschlägt. Da sich Calisto aber schon in den Dienst der Diana (respektive ihrer Fluggesellschaft) begeben hat, kommt sie in die Bredouille. Das glückliche Ende, bei dem die Bösen tot und die Richtigen beisammen sind, kann Jupiter sozusagen intern regeln (Anm.: Patriarch Jupiter wird in dieser Inszenierung von den drei Frauen in die Unterbühne entsorgt).

[...] Es ist die hohe und höchste Qualität, die ein Garant für den Erfolg dieses Musikfestes ist und bleiben muss. [...] Der [Funke] hatte während der elf Tage dauernden und prall mit hochkarätigen Veranstaltungen gefüllten Festspiele mehr als gezündet. Täglich schlugen die Flammen der Begeisterung über die perfekt ausgewählten Ensembles aus der Crème de la Crème der Alte-Musik-Szene an den verschiedensten Veranstaltungsorten in und um Halle hoch empor.

Mitteldeutsche Zeitung

 

Frauen-Power trägt den Sieg davon

[…] 2014 herrscht in Griechenland Depression, und so verlegt Kay Link in seiner Inszenierung von „Giove in Argo“ für die Händel-Festspiele Halle die göttlichen Eskapaden in einen verödeten Flughafen. Im angegammelten Ambiente des Terminals, das Olga von Wahl auf die Bühne des historischen Goethe-Theaters in Bad Lauchstädt gebaut hat, treffen sich die an den Abfertigungsschaltern des Schicksals Gestrandeten: Iside, Tochter eines ermordeten Königs und dürstend nach Rache. Osiris, ägyptischer König, ihr Verlobter, getarnt als biederer Tourist Erasto. Calisto, Tochter eines Mörders und Tyrannen, ein blondes Girl aus einem teuren College. Und Licaone, der den König von Argos ermordet und damit alle Unbill entfesselt hat, ebenfalls auf der Flucht: mit silbernem Geldkoffer durch den Zuschauerraum und über die Bühne. Die Flüge sind alle gecancelt: Aus dem Terminal entkommt die nächsten drei Akte keiner.

Flughäfen sind heute, was Bahnhöfe für das letzte Jahrhundert waren: Schauplätze des Abschieds, der Flucht, der Heimatlosigkeit, zufälliger Begegnungen und unaufhaltsamer Abläufe. Eine passende Metapher also, um das komplizierte Netzwerk der Handlung zu verorten. […]

Die Flughafen-Metapher macht es dem Regisseur dank der Kostüme Olga von Wahls möglich, die Machtverhältnisse zu verdeutlichen. Die Götter treten als Flugpersonal auf – ohne das der Passagier an die Erde gefesselt bleibt: Jupiter in Pilotengala in Weiß und Gold, Diana und ihr Damen-Gefolge in adrettem Fliegerblau mit engen Röcken und Schiffchen im Haar. Als Jupiter sein erstes Opfer Iside umgurrt, rückt das Stück aus dem Schema der „opera seria“ in die Nähe einer Offenbachiade des 18. Jahrhunderts: Der gefährliche Unernst der Avancen des Gottes entspricht der rührend pubertären, schockierend radikalen Entschlossenheit der Iside: Für ihre Rache ist sie sogar zum Sex mit einem Mann bereit, der ihr sonst von Herzen gleichgültig wäre.

Beim zweiten Opfer, der höheren Tochter Callisto in knallrotem Dress, kommt der Göttervater seiner Tochter Diana ins Gehege: Die hat mit ihren militärisch gedrillten Jungfrauen im Sinn, das Oberschicht-Mädel für Abstand von den Männern und 'Keuschheit' zu gewinnen – aus welchen durchsichtigen Gründen, zeigt der unverhohlene Annäherungsversuch der Göttin. Wenn nach dem Hin und Her der drei Akte nach gut drei Stunden die Lösung naht, hat das Finale etwas von der ironisch-abrupten Art Offenbachs: Jupiter bestimmt einfach, wie es zu laufen hat, macht aber die Rechnung ohne seine düpierte Tochter Diana: Die ersticht den Mörder Licaone durch die Kulisse und lässt den obersten Gott durch ihre Damen in der Versenkung verschwinden, als fahre Don Juan in die Hölle. Frauen-Power trägt den Sieg davon. […]
Die Händel-Festspiele Halle haben mit „Giove in Argo“ wieder verdienstvolle Ausgrabungs-Arbeit geleistet. Die Regie Kay Links bricht mit Gespür für komische Nuancen das böse Spiel um Macht und Begehren auf, ohne ihm seine Brisanz zu nehmen. So gesehen könnte dieses Pasticcio das Händel-Repertoire durch eine ungewöhnliche Farbe ergänzen.

der-neue-merker.eu

 

Götter-Händel in der Abfertigungshalle

Ein Flughafenterminal ist die Szene für das Treiben von Gott und Mensch. Im vorderen Bühnenbereich markieren Absperrungen die nüchterne Funktionalität von Abfertigungsschaltern, die so heißen, wie sie wirken. Auf dem Bühnenhintergrund sind allerlei Flugzeuge sowie eine Start- und Landebahn zu sehen. Bewegung ist hier nirgends. Ein Screen soll Ankunft- und Abflugzeiten der aktuellen Flüge anzeigen. Die Daten allerdings sind wie eingefroren. Auf diesem Flughafen gibt es nichts als Stillstand ohne Entrinnen. Arkadien einst, Hellas heute, im Mahlstrom der Folgen der Eurokrise – das ist kein Ort, der zum Verweilen einlüde. So irren die Protagonisten denn auch planlos durch die Szene. Eigentlich hübsch sind sie anzuschauen, die Flugbegleiterinnen in ihren stilechten Kostümen, doch eher in ihrer Ausweglosigkeit zu bedauern. Vom Gepäckband purzeln Roll- und andere Koffer, dann gar veritable Menschen, die entweder den getöteten König beerben oder rächen wollen. Im Verlauf des Geschehens erweist sich, dass ein solches Band auch für Erotisches geeignet zu sein scheint. Wo die Groteske herrscht, ist eben das Komische nicht weit.

Im ersten und im letzten der drei Akte spielt Georg Friedrich Händels Semi-Pasticcio Giove in Argo im Wald und auf des Berges Höhe. Von Arkadien aber auch hier keine Spur. Hingegen mancherlei poppig Unterhaltsames, was einmal mehr Links Faible und Gespür für sprühende Ideen und pointierte Situationskomik im Tandem mit der Ausstatterin (Olga von Wahl) beweist. Kein Zweifel, Links Inszenierung einer echten Händel-Trouvaille aus den letzten Jahren des Londoner Opernunternehmers steht für Schwung und Unkonventionelles, für Abwechslung und jede Menge Spaß, ungeachtet des eher schaurigen Sujets. […]

Die Barockoper hat in der Leverkusener Stückeplanung einen respektablen Stellenwert. 2013 an der Schwelle zum Gluck-Jahr der Titus, nun die formidable Renaissance einer Händel-Kostbarkeit. Maßstäbe sind gesetzt. Dafür bedankt sich das Publikum bei allen Künstlern mit anhaltendem, für Momente gar euphorischem Beifall

opernnetz.de 

 

Brillantes Händel-Finale

Mit der selten gespielten Händel-Oper Giove in Argo amüsierte im Goethe-Theater das Ensemble l’arte del mondo. Über die doch abstruse Handlung von Liebe, Rache, Macht und Trauer tröstete eine launige Inszenierung mit brillanten Sängern [O-Ton: Schlusschor], einem begeistertem Publikum [O-Ton: starker Applaus + Bravos] und verträglichen Temperaturen. Das ist nicht immer in diesen Historischen Mauern so. 

MDR Radio 16.06.2014

 

Händeloper Giove in Argo  im Terminal von “Air Händel“

Wie verkauft man diesen barocken Stoff, der zudem Kenntnis der griechischen Mythologie erfordert in der Gegenwart? Die barocke Bühne des Goethetheaters wurde unter Verwendung der alten Bühnentechnik und im Stile der Bühnenmalerei in einen verlassenen Transitbereich, eine Art Terminal wie er von einer fiktiven "Air Händel" sein könnte verwandelt. Die Akteure traten als Bodensicherheitspersonal, Terrorist (Rächer) und Passagiere auf. Gesungen wurde aber der überlieferte italienische Text. Eine witzige, originelle und hilfreich deutende Inszenierung, irgendwie doch spürbar passend eingefügt in das historische Theatergebäude.

Die heitere über dreistündige Präsentation am 14.6.2014 im Rahmen der Händelfestspiele in Halle (Saale) tröstete locker über das notorisch unbequeme Sitzen im Goethe-Theater von Bad Lauchstädt. Die Solisten, Krystian Adam, Roberta Mameli, Thilo Dahlmann, Natalia Rubis, Barbara E. Schedel und Jdan Rydh, brillierten mit hervorragenden Vorträgen und großer Spielfreude. Das Vokalensemble l'arte del modo  erfreute mit erfrischendem Gesang. Alle wurden zu Recht begeistert und dankbar mit reichlichem Beifall belohnt. 

mdr meinfigaro.de 

 

Mit Stimme, Witz und Maschinenpistole gegen den Rotstift

Ein Muss für die Händelfreunde ist Goethes Theater in Bad Lauchstädt. […] Die späte Pasticcio-Oper "Giove in Argo" (1739) […], dieses selten auf der Bühne wiederbelebte Händel-Readymade verlegte Kay Link auf einen Flughafen von heute, Werner Ehrhardts vor zehn Jahren gegründetes "Orchester l'arte del mondo" spielte.
Die Welt

 

Sehr oben und ziemlich unten.

Seltsame Qualitätskontraste bei den Händel-Festspielen in Halle 2014. Wir wollen nicht verallgemeinern. Haben wir doch nur vier Veranstaltungen besucht. Zwei Opernabende: Almira und Arminio im Musiktheater Halle, ein Konzert in der Ulrichskirche und eine Oper, Giove in Argo, im Goethe-Theater in Bad Lauchstädt.

Es mag sein, dass das „Singspiel“ Almira, Königin von Kastilien, nicht unbedingt ein Geniestreich des jungen Händel gewesen ist und dass das Publikum am Gänsemarkt die eher seichte Unterhaltung liebte. In Halle hat jetzt die Regie noch eins drauf gesetzt und eine Mischung aus Komödienstadl, Benatzky-Operette und Millowitsch-Theater  in Szene gesetzt. […] Zwei Tage später, beim Arminio, ist man dann mit der Oper Halle wieder versöhnt. […]

So gelungen und so ansprechend Arminio in Szene und Musik auch war, Giove in Argo hat mir noch besser gefallen. Natürlich, eine vollkommen subjektive Einschätzung, zu der wohl auch das intime und direkt auf die Historie verweisende Ambiente in dem kleinen Haus beigetragen hat. Dass in diesem Theaterschuppen der junge Wagner Don Giovanni dirigiert haben soll, das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Doch wir sind ja nicht bei Mozart und Wagner, sondern bei Händel, bei seinem gern als Pasticcio abgetanen Giove in Argo, ein Stück, das dem Zuhörer so manches Wiedererkennungserlebnis beschert, zumal wenn wie jetzt in Bad Lauchstädt die bekannten Stücke von einem hochmotivierten und spielfreudigem Ensemble so brillant vorgetragen werden.

Die Regie hat sich für eine heutige Variante des mythischen Geschehens entschieden. Spielort ist der bescheidene Ankunftsraum eines Regionalflughafens. Die Göttin Diana ist zu einer adretten und energischen Chefin der Bundespolizei mutiert und lässt ihre lesbischen Neigungen an einer jungen Dame aus, die ihrerseits von Jupiter – in Kostüm und Maske der unselige Capitano des bekannten Kreuzfahrerschiffs – umgarnt wird. Nicht genug damit. Jupiter hat es auch auf eine gerade angekommene sportliche junge Dame abgesehen, die ihrerseits ihren ermordeten Vater rächen will. Der Mörder ist der Vater der anderen Dame, die ihren Papa, einen Bankier (oder Gangster?) mit Geldkoffer, schützen will. Jupiter verspricht beiden Damen seine Hilfe, wenn sie …. Ja, wir wissen schon was. Der übliche Buffa Wirrwarr, um  in Liebesdiskursen aller Arten zu brillieren.

All dies wird mit ‚Witz“ und Ironie und Parodie effektvoll in Szene gesetzt. Das Libretto, wenn man es wie hier Im Goethe-Theater geschickt zu aktualisieren weiß, bietet ja auch alle notwendigen Ingredienzen für einen Theaterspaß an: Latinlover, Zickenkrieg, eifersüchtig-dümmliche Liebhaber, Partygirls, Rachengel, Karrierefrau mit unterdrückten Wünschen, Raubmörder, der zur Strecke gebracht wird und lieto fine, bei dem alle Akteure mehr oder weniger düpiert und scheinbar glücklich sind.

In Bad Lauchstädt hat Theatermacher Kay Link gezeigt, wie man mit einfachen Mitteln aus einer Händel-Operette ein zeitgenössisches Gesellschaftsspiel von heute und einen gelungenen unterhaltsamen Theaterabend machen kann, ohne dabei Händel und sein Libretto zur Klamotte zu verhunzen.

Operntagebuch

 

Hit and Miss at Halle Handel Festspiele

I learn that  a pasticcio is not an icecream flavour, but a form of opera cobbled together from previously composed works, a sort of theatrical compilation of greatest hits. Handel had plenty to choose from by the time he compiled Giove in Argo, one of three notable works in this style. Programme notes tell us that ' while the pasticci are relatively unknown on modern stages, they were standard 18th century fare. This one is unusual in that it uses three deep male voices, and features a prominent chorus  The work was first revived in a  performance at Bayreuth in 2006.

Sung in Italian without surtitles, the work spanned three acts in as many hours.The variety of voices were uniformly strong, one as dazzling  as the next. The two hearty bass voices gave the work a  weighty resonance. The intimate venue allowed a degree of nuance in dynamics that a larger house may have been unable to offer. The contemporary staging was  zany, seeming to take inspiration from a fusion of films, Airplane and KillBill, all singers seeming to throw themselves into the frenzied madcap nature of the proceedings.

In contrast, the Paris Salon conjured up by Skip Sempé and the Capriccio Stravagante at the morning recital in the Leopoldina Festsaal seemed a dull and tedious affair, lacking anything of the brio of the afternoon proceedings…

Cathy Desmond

Mitten in kriegerischen Zeiten, während Bürgerkrieg, Flucht und Vertreibung, versucht Jupiter in Argo seinen erotischen Abenteuern nachzugehen. Bei der Wahl seiner Mittel ist er nicht zimperlich. Verkleidet versucht er, zwei Frauen rumzukriegen und gegeneinander auszuspielen: Isis, die den Mörder Ihres Vaters zur Strecke bringen will, und Calisto, ausgerechnet dessen Tochter, die allein auf der Flucht ist. Dabei schreckt Jupiter auch vor Erpressung und Gewalt nicht zurück. Isis verspricht er Hilfe bei ihrer Rache, Calisto hingegen verspricht er das Gegenteil, nämlich ihren mörderischen Vater zu beschützen. Der Preis für seine "selbstlose" Hilfe ist jeweils derselbe: Sex.

Drei Frauen bleiben am Ende als „Kollateralschaden“ von Jupiters Abenteuer in Argo zurück. Darunter auch seine eigene Tochter Diana, deren Autorität in ihrem eigenen Reich durch väterliche Intervention demontiert wird.

 

Bühnenbildnerin Olga von Wahl und Regisseur Kay Link haben einen transitorischen Ort geschaffen, an dem all die Begegnungen der komplexen Handlung stattfinden, den aber keiner der Protagonisten wieder verlassen kann. Unter Verwendung der historischen barocken Bühnentechnik des Bad Lauchstädter Goethe-Theaters und klassischer Theatermalerei wird Dianas Reich zu einem verlassenen Flughafen, der letzte Flieger ist längst weg. Alle sitzen im Terminal fest.