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Into the little Hill

Lyrische Erzählung für zwei Stimmen und Ensemble von George Benjamin, Text von Martin Crimp

»Pointiert inszenierte Bilder« Deutschlandfunk

»Packende, knapp strukturierte Produktion. Kompliment.« WAZ / Neue Ruhrzeitung

»Die Regie überzeugt... Passgenauer und spannender Abend... Kay Link inszeniert eine gelungene Modernisierung ohne Kraftakt und Verbiegung« opernnetz.de

Musikalische Leitung:
Regie:
Kay Link
Ausstattung:
Andreas Jander & Anne Koltermann
Visual Effects:
Philip Drabits
Dramaturgie:
Janina Zell & Alexander Meier-Dörzenbach
The Crowd / Narrator / The Minister / The Minister’s Wife:
The Crowd / The Stranger / Narrator / The Minister’s Child :
Mädchen:
Pia Graute
Essener Philharmoniker

Packende Produktion. Kompliment.

»Parallelwelten« will die Essener Philharmonie in den kommenden zwei Wochen mit ihrem ehrgeizigen Festival für neue Musik »Now!« erschließen. Das klingt nach beinharter Avantgarde in Konkurrenz zu Witten und Donaueschingen. Die Eröffnungstage zeigten jedoch, dass man auch mit neuer und neuester Musik spielerisch, unterhaltsam und dennoch anspruchsvoll umgehen kann. Einen so großen Unterhaltungswert wie die beiden zentralen Produktionen der zwei ersten Tage findet man selten im Reich der Neutöner. [...].
Im überschaubaren Raum der Casa erlebte man im direkten Kontakt zum Bühnengeschehen eine packende, knapp strukturierte Produktion, in der die Kinder nicht aus Rachsucht des Rattenfängers verschwinden, sondern aus der Unfähigkeit der Erwachsenen, seine Musik wahrnehmen zu können. Der Kampf gegen die Ratten, die hier in der Unterwelt den Abfall ohne Gefährdung des Friedens oder der Gesundheit entsorgen, wird für einen Wahlkampf missbraucht. Zum Unverständnis der Kinder, die die Nager sogar als Haustier halten.
Alle Rollen werden von den Sopranistinnen Marieke Steenhoek und Helena Rasker im fliegenden Wechsel des flotten Spiels besetzt, die Kinder verkörpert die kleine, erstaunlich sicher agierende Pia Graute. Gespielt wird auf einer Scheibe, die das Orchester umschließt und eine saubere Oberwelt andeutet, während sich darunter Wohlstandsmüll anhäuft. Mit einem Minimalaufwand an Requisiten entsteht ein kurzweiliges Spiel, dessen Spannung sich allein aus der plastischen, filmreifen Musik Benjamins und der lebendigen, engagierten Darstellungskunst der Sängerinnen ergibt. Kompliment an alle Beteiligten inclusive des Regisseurs Kay Link und des Dirigenten Manuel Nawri. […]

WAZ/NRZ

 

Pointiert inszenierte Bilder

Er [Kay Link] hat keine Scheu, die Glanz- und Kehrseiten unserer Gesellschaft sehr deutlich und extrem in Bilder zu fassen, beschäftigt sich mit der Grenze zwischen diesen beiden Welten, was passiert wenn die eine Welt in die andere dringt, sich die andere einfach abschotten will, was passiert mit einer Gesellschaft, die Musik nicht Wert zu schätzen weiß. [...]

Alle Rollen, vom Kind über die Menschenmenge bis hin zum Erzähler, werden allein von zwei Sängerinnen gestemmt. Ununterbrochen müssen sie zwischen den verschiedenen Charakteren hin und herspringen und singen über weite Strecken an der Grenze ihres Tonumfangs. Ähnlich auch die Instrumentalisten. [...]

Die Musik fügt sich stimmig zu den sehr pointierten Bildern, die Kay Link inszeniert hat. So erscheint z.B. am Ende ein Zitat aus der berühmten Schreckensszene aus dem Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, in der eine zierliche Gestalt in rotem Mantel plötzlich ihr furchteinflößendes Zwergengesicht enthüllt.

Deutschlandfunk Musikjournal

 

Kay Links Regie im Rahmen des Now-Festivals überzeugt vor allem im assoziativen Geschehen

Diese überdimensionale Ratte sieht fast wie ein Kuscheltier aus, aber keiner möchte es mit in sein Bett nehmen. Es repräsentiert viele Formen von „Ratten“, von Rattenplagen – den schneidigen Firmensanierer, den Kredithai, den Mauterfinder, eine grenzenlose Krankheitsepidemie – aber auch den ehrgeizigen, gelackten Minister, der seinen Bürgern gestenreich verspricht, sie endlich von der bedrohlichen Rattenplage zu befreien. Und die Bürger stimmen dem Deal gern zu, den eine krakelige Kinderhand an die Mauer schreibt: Kill and you have our vote! Hier wird um Macht gefeilscht.

Konkreter wird die lyrische Erzählung von Martin Crimp selten, sie bewegt sich im Surrealen. Dadurch löst sie sich leichtfüßig von der Grimmschen Vorlage und kann sich assoziativ frei bewegen. Sie zieht den aalglatten Minister ebenso heran wie Mutter und Tochter, die Teil des Deals mit dem Fremden, dem Rattenfänger werden. Die Figuren, von Marieke Steenhoek und Helena Rasker, Alt, minimalistisch hervorragend präsentiert, nehmen darstellerisch wie stimmlich diesen surrealistischen Zugang auf. Marieke Steenhoek spielt mit spitz-hartem Sopran einen sympathisch undurchsichtigen Fremden und Rattenfänger, Helena Rasker verleiht der Ministerfigur leicht statuarische Züge. Andreas Jander und Anne Koltermann geben ihnen eine eher formale Schwarzweiß-Ausstattung, sieht man von dem gestreiften Outfit des Fremden, des Rattenfängers ab, den Steenhoek herrlich skurril bringt. Das Orchester, in einem runden Gitterkäfig als „Musik“ gesellschaftlich ausgegrenzt, kommt auf weichen, leisen Sohlen in Socken daher, genau wie ihr Dirigent Manuel Nawri. Der sehr modernen, fast abstrakten Musik George Benjamins, dessen Into the Little Hill 2006 uraufgeführt wurde, sind schmeichelnde Harmonien und wohl klingende Tonpassagen fremd, sie verlangt vom Dirigenten und dem Ensemble große Präzision und rhythmische Genauigkeit. Dem fügen die Essener eine belebende Spielfreude hinzu.

Die lyrischen Texte rund um das Leben „im Schatten des kleinen Hügels“ lassen sich nicht alle entschlüsseln. Der Minister ist vorsichtig: „Wir akzeptieren jede Religion, denn wir glauben – voller Klugheit – an nichts.“ Im Feilschen mit dem Minister um seinen Lohn deutet der Fremde auf die Wirkung seiner Musik, der Minister: „Musik an sich ist nebensächlich“. Für den Zuschauer bleiben viele Bezüge rätselhaft, seiner eigenen Interpretation überlassen – märchenhaft.

Im gekonnten Zusammenspiel des Ensembles und der beiden Darsteller entwickelt sich die lyrische Erzählung, der textlich zu folgen nicht immer leicht ist, zu einem überraschend passgenauen und spannenden Abend, an dem viel neue Musik die Zuhörer neugierig macht auf mehr. Sie erleben eine Version des Rattenfängers, der Assoziationen zu Hameln vergessen lässt und als Figur zu erkennen ist, die hinter jedem kleinen Hügel anzutreffen ist. Kay Link inszeniert eine gelungene Modernisierung ohne Kraftakt und Verbiegung.

Das sieht auch das Premierenpublikum im kleinen Saal des Casa so. Diese Besucher des Festivals für neue Musik Parallelwelten der Philharmonie Essen sind für Experimente mit neuen musikalischen und ästhetischen Ausdrucksformen aufgeschlossen, neugierig darauf. Sie bedanken sich bei den Darstellern, Musikern und dem Regieteam mit lang anhaltendem, herzlichem Beifall. Sie haben einen neuen Akzent zeitgenössischer Musik kennen gelernt, mit dem zu beschäftigen sich lohnt.

Kay Links Regie im Rahmen des Now-Festivals überzeugt vor allem im assoziativen Geschehen.

opernnetz.de

 

Besonders Eindringlich

Moderne Musik plastisch gemacht

„Parallelwelten“ will Grenzen zwischen Musik, Film und Theater aufheben und holt dazu nahezu alle professionellen Institute der Stadt mit ins Boot. Das gelang besonders eindringlich mit George Benjamins vor acht Jahren uraufgeführten 'Lyrischen Erzählung' »Into the little Hill«, einer aktuellen Version des Stoffs um den Rattenfänger von Hameln.

Westfälischer Anzeiger

 

Spannender Festival-Höhepunkt 

Regisseur Kay Link (Foto) legt den Fokus auf die Bedeutung der Musik für unsere Gesellschaft. Passend zum Thema „Parallelwelten“ stellt die Handlung die sämtlicher Kunst verschlossenen Dorfbewohner ihren Kindern gegenüber, die der beauftragte Rattenfänger als Reaktion auf den nicht eingehaltenen Lohn in den Bann seiner Musik zieht. Surreal, politisch, begleitet von einem bizarr-faszinierenden Klangspektrum – ein spannender szenischer Festival-Höhepunkt.

Stadtzeitung Heinz-Magazin.de

Crimp hat den Rattenfänger-Stoff so interpretiert, dass die Motive eine moderne Geschichte von Ausgrenzung, Vertrei­bung und Vernichtung andeuten. Benjamins Musik gefällt mir sehr, sie ist schrill, rhythmisch, vielschichtig. Die Geschichte der verschwindenden Kinder ist durchaus aktuell. Ein Gemeinweisen, in dem Musik (Kunst, Kultur...) keine Rolle spielt, verliert seine Zukunft. Die Oper ist also auch ein musiktheatrales Plädoyer für die unermessliche Bedeutung von Musik für das Funktionieren einer Gesellschaft.